DIE MUCKIBUDE · Imke Lohmann
Nasse Kiesel in Grau, Schwarz und Ocker an der Küste der Normandie, Foto von Imke Lohmann

Probetraining

Abschied als Vorstellungskraft

Wahre Geschichte eines Unternehmers, die anonymisiert wurde. Danke dem Verfasser. Links läuft die Geschichte, rechts steht, welcher Muskel der Vorstellungskraft gerade arbeitet.

„Die Vorstellungskraft ist ein Muskel. Der wichtigste, den wir haben.“ Ariane Mnouchkine

Die Muskeln der Vorstellungskraft

Vorstellungskraft ist nicht ein einzelner Muskel, sondern eine ganze Muskelgruppe. Sieben lassen sich unterscheiden. In der Geschichte von Konrad Wenz arbeiten sechs davon. Der siebte, der Macher-Muskel, darf pausieren, und genau darum geht es.

MuskelWas er tutMan kennt ihn als
Empfangend Er lässt kommen. Bilder und Einfälle tauchen auf, wenn man nicht nach ihnen greift. Man kann sie nicht herstellen, nur einladen. Phantasie, Kontemplation
Hineindenkend Er wechselt die Seite. Man verlässt den eigenen Blickwinkel und sieht für einen Moment mit den Augen eines anderen Menschen. Oder man sieht mit den Augen des eigenen Unbewussten. Einfühlung, Empathie
Antizipierend Er spürt voraus. Man ahnt, was kommen will, bevor es einen Plan dafür gibt. Ahnung, Vision
Korrektiv Er schlägt leise Alarm. Ein „Da stimmt was nicht“ meldet sich, oft als Erstes, oft treffsicher und noch ohne Begründung. Instinkt, Stimmigkeitsgefühl
Verkörpert Er denkt mit dem Körper. Ein Kloß im Hals, ein freier Atem, angespannte Schultern: Der Körper weiß oft früher Bescheid als der Kopf. Gespür, Bauchgefühl
Relational Er spürt das Dazwischen. Er nimmt wahr, was zwischen Menschen in der Luft liegt und was möglich ist, bevor jemand etwas sagt. Takt, Gespür für Atmosphäre
Materialisierend Er baut. Aus dem inneren Bild wird etwas, das man sehen und anfassen kann: ein Plan, ein Produkt, eine Firma. In dieser Geschichte tritt er zurück. Schaffenskraft, Kreativität

Die Geschichte und ihre Muskeln

Welcher Muskel hier arbeitet

Gestern hat Johanna Reinhardt als gleichberechtigte Röstmeisterin in der Morgenland Kaffeerösterei angefangen. In zehn Monaten wird sie die Rösthalle ohne mich führen. Und glauben Sie es oder nicht – ich freue mich auf den Rollenwechsel. Schon vor vier Jahren, bei der Übergabe meiner Aufgaben als Geschäftsführer an Miriam Alsleben, habe ich viel gelernt, über unser sich veränderndes Unternehmen, über mich und meine Art zu arbeiten. Nun lerne ich weiter, andere bezahlen für solche Selbsterfahrungskurse Geld.

Antizipierend

Sich selbst kleiner vorstellen

Konrad Wenz malt sich eine Zukunft aus, in der er weniger Raum einnimmt, und er freut sich darauf. Das ist ungewöhnlich, denn die meisten von uns denken beim Wort „weniger“ sofort an Verlust. Er dagegen spürt Weite. Dieser Muskel nimmt ein Morgen vorweg, bevor es da ist, und prüft, wie es sich anfühlt. Wer sich das eigene Kleinerwerden vorstellen kann, ohne zu erschrecken, hat innerlich schon losgelassen, bevor er die Hände öffnet.

Probier es aus: Stell Dir einen Raum vor, in dem Du nicht mehr vorne stehst. Was spürst Du zuerst?

Was ich seit einiger Zeit am stärksten spüre: eine ungekannte Gelassenheit. Als meine Nachfolgerin nach und nach die Leitung der Firma übernahm, war ich anfangs entschlossen, all meine Erfahrung, alle Erkenntnisse weiterzugeben – inzwischen weiß ich, wie überheblich das war und wie sinnlos. Andere Zeiten. Andere Herausforderungen. Andere Menschen. Johanna wird davon profitieren. Hoffe ich.

Hineindenkend

Wissen, wo das eigene Verstehen endet

Anfangs wollte er alles weitergeben, jede Erfahrung und jede Erkenntnis. Dann merkt er, dass seine Nachfolgerin in einer anderen Zeit lebt und vor anderen Aufgaben steht. Vor allem ist sie ein anderer Mensch. Sich in jemanden hineinzuversetzen heißt auch zu erkennen, wo das eigene Verstehen aufhört. Bis zu dieser Grenze ist es Einfühlung, dahinter beginnt Bevormundung. Hier arbeitet der Muskel, indem er innehält.

Denn ob ich auch noch so abgeklärt sein werde, wenn ich die Rösthalle abgebe, wird sich zeigen. Immerhin nehme ich einige Lehren aus dem ersten Teil der Ablösung mit. Zum Beispiel sind sich Miriam Alsleben und ich inzwischen einig, dass die ursprünglich geplante Übergangszeit an der Spitze der Firma viel zu lang war. Spätestens nach zwei Jahren, vielleicht schon nach einem, hätte ich diesen Job abgeben müssen – bei der Rösterei reduzieren wir die Frist nun auf zehn Monate.

Korrektiv

Ein Gefühl, das früher weiß als der Verstand

Dass zwei Jahre Übergang zu lang waren, hat ihm keine Kennzahl gesagt. Er hat es im Rückblick als Unbehagen gespürt, als leises „Das passt nicht“. Der korrektive Muskel meldet sich oft genau so: zuerst als Störgefühl, erst später als Argument. Ihn zu aktivieren heißt, solche Signale ernst zu nehmen, bevor man sie begründen kann. Für die Rösterei zieht Wenz daraus die Konsequenz: zehn Monate statt zwei Jahre.

Warum? Weil es kaum möglich ist, die Rolle zu wechseln und in ihr zu bleiben. Ich habe Miriam Alsleben die Spitzenposition überlassen, aber sie registrierte, meist amüsiert, dass ich weiterhin bevorzugt gefragt und um Rat gebeten wurde. Nicht, weil ich so überragend bin, sondern weil sich gegen mehr als 25 Jahre als Gründer und Chef nur schwer an-rösten lässt. Wer andere Entscheidungen trifft, andere Prioritäten setzt, muss immer auch gegen das Gestern anarbeiten. Und das wird umso schwerer, je länger das Gestern durch die Rösthalle geistert.

Verkörpert und relational

Spüren, was im Raum steht

Niemand hat gesagt: „Wir fragen lieber den Alten.“ Trotzdem war es spürbar. Mehr als 25 Jahre als Gründer und Chef hängen in der Halle wie der Röstgeruch. Hier arbeiten zwei Muskeln zusammen. Der relationale nimmt wahr, was zwischen Menschen wirkt, ohne dass es ausgesprochen wird. Der verkörperte meldet es im Körper, zum Beispiel im kurzen Zögern, bevor jemand eine Frage stellt.

Probier es aus: Denk an einen Ort, an dem Du lange das Sagen hattest. Wie fühlt es sich an, dort nur noch Gast zu sein, und wo im Körper spürst Du es?

„Die Seele einer Rösterei sitzt in den Händen, nicht im Rezept“ soll der alte Röstmeister Anton Sölch gesagt haben – dass das stimmt, haben wir in den vergangenen viereinhalb Jahren nahezu täglich erfahren. Die Kultur von Morgenland ist stark, und sie hat sich als ausgesprochen widerstandsfähig erwiesen. Aber sie muss sich genauso wie die ganze Firma an neue Verhältnisse anpassen – ich bin sicher, dass das gelingt. Aber ich weiß inzwischen auch, dass ich dabei bestenfalls eine Gastrolle spielen kann, als Freund des Hauses, der ich immer bleiben werde.

Empfangend

Geschehen lassen statt machen

Ein Gründer sieht sich als Gast im eigenen Haus. Das ist vielleicht der schwerste Schritt der ganzen Geschichte, denn der empfangende Muskel arbeitet gegen alles, was ein Unternehmer gelernt hat. Er greift nicht ein, er lässt zu. Die Kultur einer Rösterei lässt sich nicht verordnen. Sie entwickelt sich von selbst, so wie frisch geröstete Bohnen ruhen müssen, bevor sie ihr volles Aroma entfalten. Wer das annimmt, kann darauf vertrauen, dass das Haus auch ohne ihn weiteratmet.

Das sind keine Erfahrungen, für die man durchweg Vergnügungssteuer zahlen will. Zeitweise habe ich mich im Rollenkonflikt derart verheddert, dass ich Dr. Ruth Freytag um Rat fragen musste, die meine Emotionen mit nüchterner Organisationssoziologie sortierte – und dabei, wie ich heute weiß, nebenbei ein paar Muskeln in mir trainierte, von denen ich nichts ahnte. Ich wünsche jedem in ähnlicher Situation, dass er so eine Ratgeberin hat oder findet, zum Beispiel in den Masterclasses oder Peergroups unserer Morgenland Rösterschule.

Relational

Sich im Gegenüber erkennen

Manche Knoten löst man nicht allein. Erst als eine Beraterin seine Gefühle ordnet und beim Namen nennt, sieht Wenz, worin er sich verheddert hat. Der relationale Muskel wächst am Gegenüber, an einem Menschen, der das eigene Innere so spiegelt, dass man es selbst erkennen kann. Mit einem Augenzwinkern gesagt: Selbst nüchterne Organisationssoziologie kann ein Gerät in der Muckibude sein. Entscheidend ist nicht das Gerät, sondern wer Dir gegenübersteht.

Dort hat er auch die Chance, Menschen in ähnlichen Situationen zu begegnen. Ich habe in meinem Bekanntenkreis viele, die gerade ihr Unternehmen abgeben oder schon abgegeben haben. Einfach ist das für keinen. Weder die Zeit davor noch danach.

Hineindenkend

Vom Ich zum Wir

Hier weitet sich der Blick. Wenz denkt an die vielen in seinem Umfeld, die ihr Lebenswerk gerade weitergeben oder es schon getan haben. Durch sein eigenes Ringen sieht er auf einmal ihres, und aus „So geht es mir“ wird „So geht es auch anderen“. Es ist derselbe Muskel wie zuvor, nur arbeitet er in die andere Richtung. Vorhin hielt er an der Grenze eines anderen Menschen inne, jetzt blickt er über die eigene hinaus. So wird aus Selbsterfahrung Mitgefühl.

Aber bis zum Danach habe ich noch zehn Monate. Was ich da lernen werde? Ich werde es Sie wissen lassen. Und für alle, die um ihr Morgenland fürchten, sei noch einmal Anton Sölch zitiert: „Die Seele einer Rösterei sitzt in den Händen, nicht im Rezept“, und zu diesen Händen gehören auch Sie, unsere Kundinnen und Kunden. Herzliche Grüße, Konrad Wenz

Antizipierend

Die Zukunft offenhalten

Am Anfang hat er sich die Zukunft ausgemalt, jetzt lässt er sie bewusst offen. Auf „Was ich da lernen werde?“ gibt er keine Antwort, keinen Plan und keine Prognose. Er verspricht nur, davon zu erzählen. Der Muskel, der vorausspürt, kann sich also auch zurückhalten und Platz lassen für das, was noch nicht absehbar ist. Mit dem letzten Satz, „Zu diesen Händen gehören auch Sie“, holt er seine Leserinnen und Leser in die Geschichte hinein. Die Zukunft der Rösterei gehört nicht mehr ihm allein.

Was der Text über Vorstellungskraft zeigt

Loslassen heißt nicht, weniger Vorstellungskraft zu haben. Es heißt, andere Muskeln zu benutzen.

Jahrzehntelang hat Konrad Wenz vor allem mit dem materialisierenden Muskel gearbeitet. Er hat Ideen Wirklichkeit werden lassen, eine Firma aufgebaut und Menschen geführt. Dieser Muskel darf jetzt pausieren. Dafür treten die leiseren nach vorn: der empfangende, der hineindenkende und der relationale. Sie bauen nichts, sie nehmen wahr, lassen geschehen und geben frei.

Ein Abschied gelingt in dem Maß, in dem man aufhört, sich die Zukunft auszudenken, und anfängt, sie anderen zu überlassen.

Diese Muskeln weckt kein Gerät. Man aktiviert sie, indem man still wird und wartet, bis etwas kommt. Man lässt die Schultern sinken. Man stellt sich eine Welt vor, in der man selbst fehlt und die trotzdem trägt.

Ende des Probetrainings

Das war ein Probetraining: eine Geschichte, an der sichtbar wird, wie die Muskeln der Vorstellungskraft anspringen, wenn etwas zu Ende geht und etwas Neues beginnt.

Die Nachfolge ist dabei nur eine Station von vielen. In die Muckibude kommen auch Teamleiterinnen, die Verantwortung tragen wollen, wo die Strukturen wenig Spielraum lassen. Es kommen Soloselbständige, die sichtbarer werden wollen, ohne sich zu verbiegen. Und es kommen Menschen kurz vor der Rente, die neu fragen, wer sie sind, wenn die Arbeit sie nicht mehr bestimmt. Betriebsräte, Kulturverantwortliche, Forschungsteams und viele andere wissen selbst am besten, ob die Muckibude zu ihnen passt.

Die Anlässe wechseln, die Muskeln bleiben dieselben: wahrnehmen, hineindenken, vorausspüren und manchmal einfach loslassen.

Und bei Dir?

Welcher dieser Muskeln hat sich beim Lesen gemeldet? Wo hat es gezogen, wo ist es weit geworden? Genau dort beginnt Deine Muckibude.

Am Anfang steht ein Gespräch Zurück zur Muckibude